GEORG DANZER - ATEMZÜGE

PRESSETEXT

 

Atemzüge sind ein sichtbares und hörbares Zeichen des Lebendigseins.

Jeder Mensch tut seinen ersten und auch seinen letzten Atemzug.

Atemzüge sind ruhig und langsam wenn wir schlafen, wild und schnell wenn wir uns erregen oder anstrengen.

Die Atemzüge eines anderen sind immer ein Zeichen von Nähe.

Unsere eigenen geben uns Rhythmus und Gleichgewicht.

Ich habe lange gesucht nach einem Titel für dieses Album.

Daß es „Atemzüge" heißen könnte, kam mir in den Sinn, als ich im Studio vor dem Mikrophon saß und das gleichnamige Lied aufnahm.

Es ist mir noch nie leicht gefallen, einen für mich gültigen Begriff von Heimat zu definieren. Ich habe lange in Spanien und Deutschland gelebt und wenn ich Heimweh hatte nach Wien oder Österreich, dann hauptsächlich wegen meiner Muttersprache.

Vielleicht ist es am einfachsten, dieses Album mit seinen dreizehn Liedern zu beurteilen, wenn man davon ausgeht, daß ein Künstler, der in seinem Leben an die 32 LPs (oder CDs) herausgebracht hat, bei jeder Arbeit, die er noch abliefert, diesen einen Wunsch haben muß:

Wenn dies meine letzte Platte sein sollte, dann möchte ich auf ihr nur das sagen, was tatsächlich mit mir zu tun hat.

Wenn sie denn ein Schlußstrich sein sollte, dann ein gültiger und ehrlicher.

Ich möchte nicht zu jedem einzelnen Lied ein Statement abgeben, da Lieder sich durch ihre Texte selber erklären sollten.

Aber, um Mißverständnissen vorzubeugen:

„Ein erstickter Schrei" entstand zwei Tage nach der Ermordung (ich kann es nicht anders nennen) des Asylbewerbers Marcus Omofuma, dem drei österreichische Sicherheitsorgane bei seiner Abschiebung im Flugzeug den Mund solange zugeklebt haben, bis er erstickte.

„Ein längst erlosch'ner Stern" ist der Brief an eine Frau, der man vor langer Zeit wehgetan hat und die immer noch nicht loslassen kann.

„Suche nette Partnerin zum Bumsen" hat überhaupt nichts mit meiner Ehe zu tun (das bin ich meiner Frau schuldig). Es ist der einzige Titel, bei dem ich in eine Rolle geschlüpft bin und der sich einerseits an den vielen Betroffenheitstalkshows inspiriert, in denen willfährige Opfer zum Gaudium des Publikums dermaßen die Hosen runterlassen, daß sie einem schon wieder nicht mehr leid tun können, und der andererseits mit den Möglichkeiten spielt, die uns der heutige Inseratenmarkt auf dem Gebiet sexueller Befreiungen anbietet.

„Blende mich aus in die Nacht" ist für meine Tochter und meinen Sohn aus erster Ehe geschrieben, die nun beide schon so groß und fast erwachsen sind.

„Vereint getrennt" mag als Lied über eine gescheiterte Zweierbeziehung verstanden werden, aber es geht mir eigentlich um etwas anders: Um die Unfähigkeit, Konsens zwischen verfeindeten Menschen, Gruppen, Völkern, Politikern, Bewegungen etc. zu erlangen. „... jeder die Wand, vor (gegen) die der andere rennt...."

„Lang is´ her", „Stau auf der Tangenten", „I muaß denken an mein´ Vatern", „Mama, bitte wan ned" (!!!) „Atemzüge", „Kinder" und „Des is mei Frau" sind absolut autobiographisch.

„Nur amoi no" stammt aus der Feder meines alten Freundes Richard Schönherz, der schon vor 25 jahren auf meinen ersten Platten Klavier spielte und die Streicherarrangements schrieb. Er ging später nach Californien, wo er als Musiker arbeitet und lebt.

Mein Vater verübte 1985 Selbstmord. Er war ein stolzer, zorniger, verbitterter Mann. Ich habe ihn sehr geliebt und sein Tod hat mich für Jahre aus der Bahn geworfen.

Ich war ein Einzelkind und als kleiner Bub sehr stark abhängig von meiner Mutter, die mich zärtlich umsorgte und als ihren Lebensinhalt betrachtete.

Die Verletzungen, die mein Vater ihr damals zufügte und die sie an mich indirekt weitergab, habe ich wiederum weitergegeben an meine Kinder aus erster Ehe. Ich weiß dies alles schon sehr lange, aber ich habe nie so geradeheraus darüber schreiben können.

Vielleicht habe ich versucht, jemand anderer zu sein, vielleicht hatte ich Angst, als Verlierer dazustehen.

Daß ich heute glücklich verheiratet bin und mit meiner jetzigen Frau zwei entzückende Buben habe, sollte mir Grund genug geben, dem Leben dankbar zu sein.

Und trotzdem schleppe ich die Schuld, den Schmerz und die Trauer mit mir herum wie Kugeln, die mich einmal getroffen haben und die nun abgekapselt in meinem Körper stecken. Nicht immer tun sie weh. Manchmal vergesse ich fast, daß sie da sind.

Meine Atemzüge geben mir ein Gefühl des "auf der Welt seins".

Nicht mehr und auch nicht weniger.

 

Georg Danzer